© Paul Lechner
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„Das Villgratental: Von Rebellen und Vordenkern“ … voller Erwartung saßen am gestrigen Freitag Insider, Talbewohner, Touristen und eine große Schar Neugieriger (nicht nur Osttiroler) vor den Bildschirmen … wie „rebellisch“ stellt Servus TV das Villgratental dar? … ich als Buchautor mit Villgrater Wurzeln war am Ende der Reportage entsetzt … meine Erkenntnis: „Wer schweigt, stimmt zu!“

Nachdem mein Vater ein Sohn des Villgratentales war und ich selber als Bub nicht selten meine Sommerferien bei den Großeltern auf der Alm verbrachte, der Sprache kundig bin und mich in den letzten 5 Jahren ausschließlich mit dem Leben und Schicksal der legendären Wilderer-Brüder Pius und Hermann Walder beschäftigt habe, war die Neugier gestern erklärbar groß, als Servus TV um 20:15 Uhr zur Doku “Villgratental: Von Rebellen und Vordenkern” lud.

Weil bereits im Untertitel Rebellisches angekündigt wurde, fragte sich jedermann:  Was werden die Produzenten über die Villgrater Wilderer, das Verbrechen an Wildschütz Pius Walder vom 8. September 1982 und den erbitterten Gerechtigkeitskampf seines unbeugsamen Bruders Hermann berichten? Wird man die Besonderheit des gesamten Tales in wirklich jeder Hinsicht darstellen? Hat man den “Mut”, sich auch dem Schicksal des “Schaller Pius” als unabwendbarer Tatsache zu widmen? … Im Stundentakt erhielt ich Anrufe aus mehreren Bundesländern und auch seitens Bekannter aus der Region, die mich auf die brisante Abendsendung hinweisen wollten.

© Clemens Pausinger
Wildschütz Pius Walder kurz vor seinem Tod … © Clemens Pausinger

Mit Freude und Stolz im Herzen verfolgte ich nun die Berichte über den prächtigen  “Wurzerhof” in Außervillgraten, wo das “Seppele”, mein Cousin, gemeinsam mit seiner Familie ein bewundernswertes Natur- und Heimatprojekt betreibt. Nicht weniger herausragend dann auch der Bericht über den “Gannerhof” in Innervillgraten, der von der Familie Josef Mühlmann zu einem der anerkanntesten und bestauntesten Gastrononmiebetrieben Österreichs gemacht wurde. Übrigens: Die in der Sendung ebenso vorgekommene Gattin des Juniorchefs ist eine von 5 Töchtern von Hermann Walder, Pius war also ihr Onkel!

Höchst interessant und informativ dann auch die Beiträge über das europabekannte Schafwolle-Projekt von Josef Schett und eine Reihe weiterer Künstler und wahrer Naturburschen, die bis heute altes Handwerk und Tradition vorbildlich pflegen und in ihrer Gesamtheit eine Lebensphilosophie geschaffen haben, die den Atem der Villgrater Heimat lebendig spürbar macht und den natürlichen Lebensraum der Region als “Lebenstraum” wahrnehmen lässt.

Einzigartiges Naturjuwel zurecht beworben …
Bis dahin war die gestrige Sendung großartig aufbereitet, mit kristallklaren, heimeligen Bildern, originellen Motiven und romantisierenden Einblendungen versehen … perfekt und herzerfrischend zugleich … kaum besser zu machen … und als erfreuliche Werbung vor allem eines: Authentisch und Wahrheit! Genauso glaubwürdig, wie im Vorfeld angekündigt wurde: “Im Villgratental nutzt man Traditionen als Grundlage für Neues. Die Zeit ist hier nicht stehen geblieben, sie tickt ein bisschen leiser.”
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Idylle pur und ein Refugium für all jene, die sich das Außerordentliche gönnen wollen! © Facebook

Nach der Werbeeinschaltung vor dem letzten Sende-Drittel hatte ich mir dann eigentlich einen längst fälligen Rückblick in die ereignisreiche Geschichte des Tales erwartet, eine Vergangenheit, die in mehrerlei Hinsicht einmalig im Alpenland ist und zum Verständnis der Menschen unerlässlich scheint.

Exkurs:
Das Villgratental wurde nicht zuletzt auch aufgrund der tragischen Ereignisse rund um Pius Walder bis zur Nordsee hinauf bekannt. Die tödliche Kugel im Hinterkopf des kühnen Wildschützen verhalf dem Tal und seinen Menschen zu ungeahnter Popularität und pulsierendem Tourismus. Pius’ Grabmal wurde zur Pilgerstätte für Zigtausende, Kalkstein quoll über vor 50-Sitze-Bussen … und die Fremdenverkehrsmanager rieben sich die Hände.

Zurück zur Sendung:
Mein iPhone war um ca. 21:00 Uhr auf “Stoppuhr” gestellt, weil ich genau wissen wollte, wieviel Sendezeit man diesem “Villgraten von gestern” widmen wollte. Dann die maßlose Enttäuschung … Nichts! Rein gar nichts! Es ist nicht zu fassen: Obwohl im Ankünder von “Rebellen” die Rede war, wurde der so wichtige historische Hintergrund der Region inklusive dem schicksalsgeprüften “Schwalbennest” Kalkstein völlig missachtet. Einfach verschwiegen, als gäbe es da gar nichts, das man dem Zuseher zur Kenntnis bringen sollte! Hier und jetzt verging sich der Sender an seiner Informationspflicht und den Prinzipien der Objektivität und Korrektheit. Man liebäugelte bei der Darstellung des Villgratentales rein damit, dem TV-Publikum Schönes, Altes, Positives und Traumhaftes zu vermitteln. Eine Welt, die in dieser Form gewiss existiert. Die Rückseite der Münze allerdings wurde von den Beitrags-Gestaltern gar nicht erst zum Vorschein gebracht. Nach der Doku sollten offenbar nur warme Herzen übrigbleiben. Die traurigen, von denen man im Villgraten sehr wohl weiß, sollten keine Silbe der Erwähnung wert sein! Nicht einmal ein spärlicher Hinweis darauf, was das Tal über Jahrhunderte zum Schicksalshort werden ließ.

Ich rede vom
“Schwarzen Tod”, der Pest in der Zeit zwischen 1634 bis 1613, welcher 40 Prozent der Bevölkerung auf qualvollste Weise zum Opfer fielen. “Über die ‚Gottesgeißel‘ in Kalkstein verfaßte Christian Paller, der damalige Innervillgrater Pfarrer (1633 bis 1641), einen Bericht: ‚In diesem Jahr 1634 sind in Kalkstein während der Monate November und Dezember durch die Pest 31 Personen gestorben. Es wird erzählt, daß einer unter diesen Rückkehrern von einer Reise nach Altötting die Seuche in die Heimat zurückgebracht hätte. (…) Wallfahrer schleppten also von ihrer frommen Pilgerreise zur Muttergottes von Altötting ahnungslos den ‚Schwarzen Tod‘ ins Tal.”
(Draxl, Anton: Über die Jöcher, Innervillgraten/Gsies, Innsbruck-Absam: Delta-Grafik, Juli 2001, S. 98)

Zwei Pestkreuze im Kalksteiner Friedhof erinnern an die verheerende Epidemie.

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Das “große Pestkreuz” als Erinnnerung an eine der dunkelsten Zeiten in der heimatlichen Geschichte. © Privat

 

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Das “kleine Pestkreuz” mit Inschrift … errichtet zum Gedenken an das Schicksalsjahr 1634. © Privat

Ich rede weiters vom
“Weißen Tod”, den tragischen Lawinenabgängen der Jahre 1613, 1717, 1851, 1919 und dem wohl folgenschwersten aller Lawinenunglücke 1931: “(…) 20. Februar, 9 Uhr vormittags, brach am Grat des Eggebergs im sogenannten Fleck eine große Lawine los ins Tal (…) und zertrümmerte das Bauernhaus des Josef Mair, Stuner. Von den Hausinsassen wurden acht als Leichen geborgen: (…) Die Mutter allein kam lediglich mit einer Hüftquetschung davon.”
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© Weltguck - Bachmann
Eine Familie wurde nahezu ausgerottet! © Weltguck – Bachmann

Ich rede in weiterer Folge natürlich auch von den umwälzenden Ereignissen und Hintergründen rund um das an der ehemaligen Kalksteiner Volksschule abgebrachte Kruckenkreuz und den Rebellen Vinzenz Schaller:

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… die Zeit überlebt. © Privat

“In der Mitte das Wappen des Ständestaates – der Doppeladler, der die Rückbesinnung auf altösterreichische Traditionen und Tugenden ausdrücken sollte; die Adlerköpfe wurden nimbiert (mit einem Nimbus = Heiligenschein umgeben, Anm.), um die christlich-katholische Orientierung des ‚Bundesstaates Österreich‘ zu dokumentieren. Dieser Doppeladler (…) wurde zum ‚Staatswappen Österreichs‘ erklärt (Kundmachung am 2. Juli 1934). Und zu beiden Seiten das Kruckenkreuz als Symbol der Vaterländischen Front (VF). Beide Sinnbilder erinnern an die tragische Geschichte Österreichs im Jahr 1934: Februar-Aufstand des Republikanischen Schutzbundes, Mai-Verfassung (christlich-deutscher Bundesstaat Österreich auf berufsständiger Grundlage), Auflösung aller politischen Parteien, Vaterländische Front, Ermordung von Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934 durch Nationalsozialisten. (…) Die VF mit ihrem Kruckenkreuz, das dem Hakenkreuz in den 30-iger Jahren bewußt gegenübergestelllt wurde quasi als Anti-Hakenkreuz – war eine von oben gesteuerte Organisation, aber keine Volksbewegung.” (Draxl, Über die Jöcher, a.a.O., S. 122)

© Paul Lechner
Das damalige Pfarrhaus (li) und die alte Schule mit dem Kruckenkreuz … © Paul Lechner

“Damals in den 30-iger Jahren war Vinzenz Schaller Ortsvorsteher in Kalkstein, er bemühte sich sehr um eine ‚Notschule‘, die Kinder sollten vor allem im Winter nicht mehr nach Villgraten hinunter in die Schule müssen. Zum Gedächtnis an den ermordeten Bundeskanzler taufte er diesen Unterrichtsraum ‚Dollfuß-Schule‘ und ließ von den ‚krahkouflern‘, die diese ‚Kunst‘ beherrschten, die Tafel verfertigen. Sie hing aber nicht lange an der Schulwand. Vinzenz Schaller nahm sie am 13. März 1938 ab, er schob die Tafel daheim hinter eine Truhe. Im Juli 1945 befestigte er seine Tafel wieder dort, wo sie gewesen war, nachdem er aus dem Konzentrationslager Dachau am 7. Juli nach Kalkstein heimgekommen war. Dort war er seit der Jahreswende 1943/44 gequält und gefangen, weil er aus religiös-ethischen Gründen den Fahneneid auf Hitler verweigerte.”  (Draxl, Über die Jöcher, a.a.O., S. 125)

Was die ereignisreiche Geschichte des Villgratentales betrifft, darf man natürlich auch nicht auf die sagenumwobene Periode der Schmuggelei in den beiden Regionen Villgraten und Gsies vergessen. Der Warenaustausch mit den Südtirolern war speziell nach dem 2. Weltkrieg überlebensnotwendig für die Villgrater Familien, wobei die verwegenen Schmuggler immer wieder in lebensgefährliche Konfrontationen mit den Zöllnern verwickelt wurden.

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Das “Rosstal” als Schmugglerparadies … über die “Steigesheache” nach Südtirol. © Privat

EHRLICH GESAGT und GEFRAGT:
Wer das Villgratental in einer TV-Ankündigung mit Rebellentum in Verbindung setzt, wird nicht drum herumkommen, die gesellschaftlichen Gegebenheiten und soziologischen Hintergründe von damals, die Willkür geistlicher und weltlicher Obrigkeiten und den erbitterten Machtkampf zwischen Wilderern und der Jägerschaft, im Besonderen das Drama um Wildschütz Pius Walder im Jahre 1982, zu thematisieren. Genau das aber geschah gestern bei Servus TV, was für mich persönlich in keinster Weise nachvollziehbar ist und mich unaufhörlich Fragen stellen lässt:
.  Wer war für die Beitrags-Recherchen zuständig?
.  Wer für die Missachtung eines der unfassbarsten Schicksale der Bergwelt verantwortlich?
. Wer beabsichtigte hier eine Glorifizierung und schwieg in deren Sinne über ein Verbrechen, das unauslöschlicher Teil der Talgeschichte ist?
.  Welcher Realitätsverweigerer ließ es zu, dass Pius Walder und sein tragischer Tod als historische Tatsache in der Versenkung verschwinden musste?
.  Weshalb ließ man die Öffentlichkeit über den beherzten Gerechtigkeitskampf des bis heute rebellierenden Bruders Hermann in Unkenntnis?
.  Wollte man mit dem Untertitel “Von Rebellen und Vordenkern”einfach nur Neugierige ködern? … auf wessen Kosten? … aus Angst vor der Verbreitung unangenehmer Botschaften? … aus Ergebenheit dem Prinzip einer krankhaften Gutmenschlichkeit gegenüber? … oder einfach nur, weil man endlich einmal nichts mehr hören, wissen und thematisieren will, was den wundesten Punkt der Region betrifft: Die heute mehr denn je umstrittene Tötung des 30-jährigen Pius?

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Denkmal und Mahnstätte zugleich … das Grabmal von Pius Walder. © Paul Lechner

Bitter böse ob all der gestern zuwege gebrachten Missachtung sind natürlich auch Hermann und Gattin Edith Walder. Beide schütteln nur den Kopf, wenn sie folgende Sätze in der Vorankündigung gestriger Dokumentation lesen: “Gerade, ehrlich und mit einem ordentlichen Sturschädel ausgestattet. So könnte man die Menschen aus dem Villgratental beschreiben. Nicht zu vergessen, eine große Portion Herz ist auch dabei. Vielleicht liegt es daran, dass man hier so abgeschlossen gelebt hat, dass man lernen musste, grad und ehrlich miteinander auszukommen.”
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Von einer “großen Portion Herz” und einem “grad und ehrlich miteinander Auskommen” lässt sich Hermann Walder beim Anblick der Tatwaffe (Wilderermuseum St. Pankratz) mit Gewissheit nicht überzeugen.

Abschließender persönlicher Kommentar:
Als treuer Fan von Servus TV drehte ich gestern nach dem lückenhaften Bericht den Sender mit Groll ab. Warum? Es darf nicht sein, dass man ein Publikum nur mit Teilwahrheiten beliefert und sich bedauernswerte Tatsachen aus senderpolitischen Gründen zurechtschminkt. Ich schätze das Projekt Servus TV in vielen Bereichen und bin höchst glücklich darüber, dass Natur, Tiere, Sport und Information immer wieder frischest aufbereitet und in erstaunlicher Qualität dargeboten werden. Was aber den gestrigen Report über das Villgratental betrifft, reicht es nicht aus, von Tiefschnee, stoischer Ruhe, Almen, Wiesen, Schafen, Heuwagenziehern, selbstgebackenem Brot, Ziegenkäse, Webstühlen, Zitherspiel und einer Holzkegelbahn zu berichten. Da ist man auch der Geschichte und ihren Tatsächlichkeiten verpflichtet. Realtitäten, die Schicksale und deren Hintergründe nicht ausgrenzen dürfen, nur, um ein Paradies nicht unnötig mit dem Malus wahrhaft geschehenen Unrechts zu beflecken. Schade für die historische Möglichkeit, einen bis heute im Tal vorhandenen Schleier zu beseitigen und der Öffentlichkeit diese herrliche Region mit allem, was sie darstellt, vor Augen zu führen. Auch mit dem Tod des Pius Walder!

© Alfred Santner/Creativomedia-as1
Einmal mehr enttäuscht zeigt sich Pius’ Bruder Hermann Walder … ein “Rebell”, der dem Servus TV-Publikum vorenthalten wurde … warum auch immer. © Alfred Santner/Creativomedia-as1

Wer mehr über das Schicksal des Pius und seiner Familie lesen und erfahren will, ist herzlichst eingeladen, in den von mir anlässlich des 35. Todestages in Sillian präsentierten zwei Büchern zu blättern. Den Titelsong zur buchbegleitenden CD “Rock me, Pius” kann man via YouTube als Video hochladen.

 

© Covers: Karl Verlag/Wien – Fotos: Alfred Santner, Josef Hopfgartner

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