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Vier Steinfelder, Hans Mößlacher, Bernd Keuschnig, die Brüder Reinhard und Herwig Sulzenbacher fassten im Frühjahr Anno Domini 2018 den Entschluss per Fahrrad nach Amsterdam zu radeln. Getrieben von unbändiger Abenteuerlust bewältigten sie die 1.100 km lange Strecke, fremde Länder durchquerend, in sechs Tagen. Die Idee dazu stammt von Hans Mößlacher, welcher seit Kindheitstagen von fremden Ländern träumt. Durchs Gebirge, welches uns von den anderen trennt, wurden die vier am Anfang ihrer Reise vom bekannten Gebirgsfahrradfahrer Wolfram Kraner geführt.

Zum Chronisten dieses Abenteuers wurde Bernd Keuschnig bestimmt, dessen Tagebuch hier zu lesen ist.

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Tagesetappen in Zahlen – © Privat


TAG 1 – MONTAG, 23. 07. 2018

Pünktlich um 06:25 Uhr (fast) treffen wir uns bei der Kreuzung Birkenweg/10.Oktoberstraße in Steinfeld, südlich des Gebirges. Mößlacher Hans sen. verabschiedet uns. Petra, Aaron und Skadi auch nochmals. Die haben mich zu Hause mit Oma und Opa bereits verabschiedet. Die wollen anscheinend auf Nummer sicher gehen. Trauen mir die 1100-km-Fahrt nach Amsterdam nicht zu. Oder wollen mich einfach los werden.

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Wir, Hans, Reinhard, Herwig, Wolfram und ich, starten und treten in zwei Stunden nach Mallnitz.  Dort erwartet uns Hans Mößlacher sen. mit Bananen, Energieriegeln und Saft. Am Anstieg von Obervellach nach Mallnitz hat uns bereits Feile & Ronzo abgefangen, um Fotos zu schießen. Die Freude über Hans sen. wird an der Autoschleuse Mallnitz Momente später durch große Verwunderung übertroffen. Armin Leitner, unser Sektionschef von der Alpenvereinstruppe Steinnelke, ist unser Lokomotivführer. Er wird uns durchs Gebirge auf die andere Seite der Welt schleusen, wo wir die Anderen kennenlernen und quasi neu geboren werden, als RADFAHRER. Und so geschieht es dann auch. Wir dürfen sogar im Führerstand von Armin dem Licht am Ende des Tunnels entgegenfiebern. Ein wirklich schönes Erlebnis.

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Das Licht am Ende des Tunnels – © Privat

Neu geboren mit Pedalen an den Füßen, brausen wir mit Windgeschwindigkeit (80km/h laut Hadys Tacho) das Gasteinertal hinunter, zumindest bis ich als Schlussmann einen groben Stoß unter meinem Hinterrad verspüre und ein metallakustisches Geräusch vernehme. “Ich bin über eine Schraube gerast, nicht verwunderlich bei den Vordermännern. Diese Radtour kann ja nur jemand machen, bei dem eine Schraube locker ist. Wahrscheinlich hat sich die Schraube vom Rad oder vom Menschen gelöst und ist unter mein Hinterrad gesprungen”, sagt der Analytiker in mir. Kaum ausgedacht, fahre ich schon ohne Luft (Reifenluft!). Wir reparieren sofort und mir fällt auf, dass an den Rädern keine Schrauben fehlen.

Nach der Reparatur beginnt es stark zu regnen.  Der Regen begleitet uns schwächer werdend bis zur bischöflichen Trutzburg Werfen. Die alte Feste thront über dem Salzachtal und wir schmuggeln uns durch die ausklingende Regenfront an ihr vorbei. Augen und Ohren des Bischofs haben uns nicht wahrgenommen, wie wir im Regen zuvor Bischofshofen nicht wahrnahmen.

Die wolkenverhangene Salzachklamm entlässt uns aus dem Gebirge. Wir wagen uns ins Flachland.

Hunger macht sich bemerkbar, ja auch Abenteurer können stark hungern. Kuchl wird diesbezüglich unsere erste Anlaufstation nach dem Gebirge. Beim Anblick der Kellnerin bleibt allen der Mund offen. Ein platinblondes, stark gebräuntes, mit schwarzblauen, überlangen Wimpern ausgestattetes Wesen, welches vor ihrer Gefangennahme durch den Salzburger Bischof höchstwahrscheinlich in einer fernen Galaxie kellnerte, stakst in schwarzem Untergewand auf uns zu. Was will die von uns? Wir können nicht Galaktisch und die sicherlich nicht Deutsch. “Aaaaaaahhhh!”, denken wir, als sie uns, ihre weißen Zähne präsentierend, in einem breiten bayrischen Slang sehr freundlich anspricht. Eine bayrische Gefangene also, eventuell die zukünftige erzbischöfliche Buhlschaft. Also sind wir doppelt freundlich. Wer will sich mit dem Bischof anlegen? Nach dem Essen treten wir Richtung Norden und erblicken alsbald die imposante Feste Salzburg. Wir radeln ohne Aufenthalt entlang der Salzach durch die Stadt und überqueren die Grenze bei Freilassing. Wir treten und treten, Hans und Hady navigieren und verfluchen dabei ihre naiven Navigationsgeräte bis zur absoluten Tretlosigkeit. Nicht ganz, wir erreichen unser Tagesziel tatsächlich um 16:00 Uhr.

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Der Unterwirt in Fridolfing (von links: Bernd, Reinhard, Hans, Herwig) – © Privat


TAG 2 – DIENSTAG, 24. 07. 2018

Der Unterwirt verwöhnt uns nicht nur mit sehr schönen, geschmackvoll gestalteten Schlafstätten, sondern auch mit einem außergewöhnlich erlesenen Frühstück. „Alles Bio“ ist sein Motto, sein Lebenswirtmotto.

Wir starten, müssen uns aber schweren Herzens tränenreich von Wolfram verabschieden. Der tritt alleine die Reise zurück durchs Gebirge, vorbei an der mit Essen lockenden, platinhaarigen Buhlschaft an, um am Ende seines Weges beim Feile Kunde von der anderen Seite zu geben. Unsere Tränen sind noch taunass und schon radeln wir in einem raumgreifenden Bogen nordöstlich um die Hauptstadt des ortsansässigen Stammes, welcher sich selbst als Bayern bezeichnet. Vorbei geht’s an Wegkreuzen und schönen Bauernhöfen. Das Land ist hügelig, wir radeln langgezogene Anstiege hinan, um mit ebenso langen Abfahrten belohnt zu werden. Die Topographie macht Spaß. Plötzlich radeln wir mitten durch Schlingpflanzenwälder. Uns wird erklärt, dass die Bayern diese Wälder künstlich anlegen. Sie sind wesentlicher Bestandteil ihrer Religion. Aus den Schlingpflanzen gewinnen sie einen berauschenden, halluzinogenen Saft. Einmal im Jahr treffen sich die Vertreter aller Unterstämme, die sich als Oberbayern, Niederbayern, Waldbayern, Schwaben, Pfälzer, Franken usw. bezeichnen, in ihrer Hauptstadt, um mit ihren Priestern in einem heiligen, mehrtägigen Ritual dieser Pflanze zu huldigen. Wir radeln sozusagen durch den Garten Eden der Bayern. Die hatten Glück, dass keine sündhafte Eva von der Pflanze kostete oder – noch schlimmer – diese wegtrank. So gesehen hatten diese glücklichen Bayern keinen Sündenfall! Von nun an begegnen wir ihnen mit Argwohn (Neid).

Spät am Nachmittag erblicken wir linker Hand, im Süden unserer Route Ingolstadt. Vier ineinander verschränkte Ringe bilden das von weithin sichtbare Hoheitszeichen der stolzen Ingolstädter. Die Stadt verdankt ihren Reichtum fleißigen Fabriksarbeitern, welche weltweit begehrte, zu überhöhter Geschwindigkeit neigende Wägen produzieren.

Um 18:10 Uhr gibt Hans im Schatten der Kirche von Eitensheim Radio Osttirol ein Liveinterview. Die Osttiroler sind dem Anschein nach auch an der anderen Seite interessiert, konnten aber keine Expedition zusammenstellen. Wir sind aber noch nicht am Ziel. Zwei weitere Stunden liegen noch vor uns. Nach dem Durchradeln der im grünen Altmühltal liegenden Universitätsstadt Eichstätt müssen wir einen finalen Anstieg (220 m) bewältigen, der zu unserem Verdruss als illegale Motorradbergrennstrecke der lokalen Jugend dient. Endlich, kurz nach acht erreichen wir unser Tagesziel, den Gasthof Geländer.

 

TAG 3 – MITTWOCH, 25. 07. 2018

Frühstück um 07:30 Uhr und Start um 08:30 Uhr. Mit einer halben Stunde Verspätung besteigen wir am ehemaligen bischöflichen Gestüt Geländer unsere Drahtesel und beginnen unsere 3. Etappe. Unsere Reittiere tragen uns eine stark befahrene, sich einem Hügelrücken entlangziehende Straße Richtung Nordwesten, in das Stammesgebiet der Mittelfranken. Nach ein paar Kilometern nehmen wir eine Abzweigung Richtung Westen. Eine kurvige Landstraße zieht sich, einen mäandrierenden Bach begleitend, ca. 10 Kilometer ein grünes, dünn besiedeltes Tal hinab.  Radfahren kann so schön sein!

Nach Durchfahren der Stadt Treuchtlingen richten unsere Navigatoren den Kurs neu aus, auf Nord-West. Von nun an geht es Hügel an und Hügel ab durch das Frankenland. Uns Gebirglern erscheint das Ackerland grenzenlos. Gewaltige Maschinen bearbeiten Mutter Erde. Maschinen, die schneiden, transportieren und mit 10 m auskragenden Armen Gift sprühen. „Muss das sein?“ Das Land ist doch fruchtbar. Produzieren wir Europäer nicht ständig subventionierten Überschuss? Wäre es nicht besser die Monokulturen zu verbieten bzw. nicht mehr zu fördern? Anstatt dessen alternative, bessere, weil auf das Leben abgestimmte Methoden zu subventionieren? Ein beklemmender Gedanke drängt sich mir auf.  Hier werden die Überschüsse produziert, welche – nach Afrika geliefert – den dortigen Kleinbauern die Lebensgrundlage entziehen. Die Afrikaner können ihre –  im Verhältnis zu unseren Überschüssen – teureren Produkte nicht an den Mann bringen. Die verarmten, mittellosen Bauern ziehen in die Städte und vergrößern das Heer der Armen. Einige machen sich auf die gefahrvolle Reise nach Europa und einige von ihnen bezahlen mit dem Leben. Wir glauben unseren von der Industrie angefütterten Politikern, wir glauben dem Märchen von “Es geht nur so!”, von ewigem Wachstum. Und lassen bei Zeiten unsere Gewissen reinwaschen, wenn z. B. eine Eva Glawischnig, eine Grüne, eine von den Gutmenschen im TV vom Novomatikchef im Triumph vorgeführt wird, wie eine besiegte und zu demütigende Barbarenkönigin (“Vae Victis”). Wir sagen dann zu uns: “Aha! Wasser predigen und Wein trinken. Die sind nix besser als ich. De konnst nit wählen, de Chaoten.” Wir glauben an die Argumente der Industriepolitiker und sind blind für Realitäten. Wir glauben nicht an das eindeutige, undeutbare Wort Gottes (Matthäus 25: “(…) Darauf wird der König ihnen antworten: ‚Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist’.“) Was werde ich beim jüngsten Gericht als Ausrede vorbringen? Ich denke, ich werde mich dann mal links einreihen müssen. “Verdammt”, ein irritierender Gedanke steigt in mir hoch, “wir radeln durch die Killing Fields. Die Maschinen produzieren auf fruchtbaren Böden den Tod der Geringsten unter uns und keiner wills gewesen sein. AMEN!”

Befinde ich mich noch auf einem Rad oder bereits auf einer Maschine, die mich ins Zentrum meiner Seele leitet? Die stundenlange Treterei mutiert langsam aber sicher zu einer Pilgerreise ins ich. Was bin ich, was will ich, wie wirke ich, meine Familie, meine Freunde, mein Beruf, was geschieht mit der Welt, was kann ich tun, …. bla bla bla. Die Sonne brennt schattenlos hernieder.

Das schöne Städtchen Herrieden erreichen wir 20 Minuten vor 12 Uhr durch das mittelalterliche, südliche Stadttor.

Nach einer kurzen Leberkäsepause beim Fleischer schwingen wir uns wieder in unsere Sättel. Wir durchtreten kleine, wirklich schöne Städtchen, deren Namen leider nach der nächsten Weggabelung bereits wieder Geschichte sind und fahren kleine Anstiege hinauf und wieder hinunter. Alle schattenspendenden Bäume haben anscheinend wegen der Hitze dienstfrei.

Es ist halb drei und wir beschließen, in der kleinen Ortschaft Reichardsroth im Gasthaus “Zur schönen Einkehr” Mittagspause zu machen. In der kurzen Pause überquere ich die hitzeflimmernde Straße, um die außergewöhnliche Kirche mit kleinem Friedhof zu besuchen. Außergewöhnlich, weil nur ein mächtiger, romanischer Turm vor mir in den Himmel ragt. Der Wirt erklärt mir beim Essen, dass dies der Rest einer im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Klosteranlage sei, welche dem Kreuzritterorden der Johanniter gehörte. Nach dem Verzehr einer Suppe und eines Salats geht es wieder ins Freie. Ich trinke immer wieder aus meinen Trinkflaschen. „Auf keinem Fall dehydrieren!“ lautet meine Devise. Das Flaschenwasser schmeckt scheußlich abgestanden und warm. Heiße, über das Hügelland blasende Winde trocknen Lippen und Kehle aus. Das Sitzleder schmerzt.

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Das Stadttor von Herriefen – © Privat
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Die Kirche von Reichardsroth – © Privat

An einer Baustelle in der Ortschaft Simmershofen, an der wir unsere Räder um halb vier vorbeischieben, vernehme ich aus dem Autoradio eines Pritschenwagens: „38,5 C°.“ „Bohaaa!“, denk ich mir.

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Foto 1 Bei Bütthard im Frankenland – © Privat

Unsere Karawane steuert nach ca. 1 Stunde, um Wasser nachzufüllen, die Ortschaft Wittighausen (20 km südlich von Würzburg) an. Wolken sind im Norden aufgezogen, es donnert und nach Wiederantritt unserer Fahrt beginnt es zu unserer Erleichterung kurz zu regnen. Endlich kühlt es ab. Die ausgedehnten Ackerflächen werden von grünen Wiesen und Wäldern abgelöst. Unser Nachtlager im Odenwald, das Akzenthotel in der Siedlung Reinhardsachsen erreichen wir nach Durchqueren der Stadt Hardheim um ca. 20:00 Uhr. Die abgekämpfte Truppe beschließt morgen einen Erholungstag einzuschieben. Es sollen nur 160 km geradelt werden. “Schön” ist das letzte Wort, dass mich vor dem Einschlafen wie ein kühler Gebirgsbach durchfließt.

 

QUELLE/KONTAKT:

Bernd Keuschnig
10. Oktoberstr. 20
9754 Steinfeld

Telefonkontakt: 0650/2609663

E-Mail: info@kulturtechnik-wasser.at