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Tag 4, Donnerstag, 26. 07. 2018

Akzenthotel bei Reinhardsachsen im Odenwald 07:45 Uhr, wir besteigen unsere Räder und los geht’s. Das Tagesziel heißt Limburg und ist nur 160 km entfernt. “Eine wahre Gaudi” im Vergleich zu den 193 km durch die gestrige Hitzehölle. Wir wollen heute im Erholungsmodus genussradeln, um unsere mentalen und muskulären Batterien für die anstrengenden Etappen von Morgen und Übermorgen aufzuladen. Nach einem kurzen Anstieg brausen wir auch schon durch ein grünes Tal hinab. Der Morgentau grüßt uns, wir grüßen freudig zurück. Wir haben eine Mission, sie nennt sich Amsterdam, 600 km liegen noch vor uns. Mittlerweile sind wir perfekt aufeinander eingestellt. Hans und Reinhard bedienen die besch…ne Navigationsgeräte (jeder hat ein baugleiches) hervorragend, Herwig und ich halten ihnen den Rücken frei. Wir befinden uns ja auf der anderen Seite. Niemand weiß wie die Eingeborenen auf uns reagieren. Kurz vor 10:00 Uhr eröffnet sich uns ein majestätischer Ausblick, der Main windet sich vor uns durch ein hügelgesäumtes Tal. Über eine weitgespannte, backsteinerne Bogenbrücke bei der Stadt Miltenberg erreichen wir das gegenüberliegende, nördliche Ufer. Wir folgen dem Fluss Richtung Nord-Nord-West. An einer Eisenbahnkreuzung im Industriegebiet von Obernburg kurz vor 11:00 Uhr schafft es Reinhard, gefolgt von mir, ein Schlagloch punktgenau zu durchfahren. Hans und Herwig fahren dilettantisch vorbei. Kurz danach überqueren wir den Fluss erneut über eine Fußgänger-/Radfahrerbrücke. Wir genießen den Ausblick auf den Fluss, das Tal und die unter uns fahrenden Schiffe. Reinhard wirkt plötzlich lustlos, sein Vorderreifen ist nämlich luftlos.   Der Reifen wird sofort repariert und wieder aufgepumpt. “Gott sei Dank hat das Schlagloch meinem Reifen nicht geschadet. Reifen reparieren ist nervig,” so oder ähnlich, denk ich mir insgeheim. Hat der reparierte aufgepumpte Reifen nun genug Druck oder nicht? Diese Frage wird von einem unserer Runde aufgeworfen. Nur der Vergleich kann Sicherheit geben. Ich drücke also zuerst Reinhards Vorderreifen und dann den Hinterreifen meines danebenliegenden Rades. Nur, da gibt es nichts zu vergleichen. Mein Reifen ist völlig schlapp, d.h. eigentlich nur schlapp, völlig schlapp bin nämlich ich, nachdem ich mich mehrmals, immer wieder den luftlosen Reifen drückend, vergewissert habe, dass der Schlauch auch tatsächlich kaputt ist. Alle helfen mit und mein Reifen bekommt einen Ersatzschlauch. Reifen reparieren ist schweißtreibend. Wir realisieren erstmals die sich erneut anbahnende Hitze.

Wir Ahnungslosen haben im Nachhinein betrachtet, sozusagen gerade die Ouvertüre der kommenden Stunden durchlebt. Noch radeln wir an gepflegten Weinbergen vorbei und bewundern die schönen Bauten im Maintal. Bald wird sich unsere Situation gänzlich anders präsentieren. Mit jedem Kilometer, den wir uns Frankfurt nähern, steigt die Temperatur und auch der Verkehr wird stärker. Über uns ziehen laufend Flugzeuge hinweg, welche uns aber nicht weiter schaden. Schlimm sind die mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbeirasenden Autos. Man muss höllisch aufpassen nicht auf den Vordermann aufzufahren und nicht zu weit in die Fahrbahn reinzufahren, das wäre tödlich. Mein Nacken beginnt zwischen sechsten und siebenten Halswirbel ob der Anspannung unerträglich zu schmerzen. Ein vor 15 Jahren diagnostizierter Bandscheibenvorfall, der mich seinerzeit 3 Monate bei Tag und Nacht peinigte, meldet sich zurück. „Hallo Bernd, ich bin wieder hier, hab nur ein wenig geschlafen. Jetzt kann ich dir in alter Freundschaft wieder alle Zeit der Welt widmen“, mit solchen Worten meldet sich der äußerst vergnügte Gast bei mir.

Warum tue ich mir das an? Ich könnte ja durchaus zu Hause an einem kühlen Bach entspannen. So und ähnlich denke ich, als ich unbedacht nach dem Auspuff meines Fahrzeuges greife, den es natürlich nicht gibt. Das Umfassen meiner Trinkflasche bewirkt kurzzeitig diese Assoziation. Wir haben sagenhafte 43.9 C° auf unseren Messgeräten 80 cm über den Asphalt. Das Trinkwasser und die Trinkflasche sind ebenso heiß.

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Die Brücke über den Main bei Obernburg – © Privat
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Frankfurt – © Privat

Die aberwitzigsten Gedanken steigen in mir hoch. Sind wir 4 die Biker der Apokalypse? “Und ihre Namen waren, Durst, Hitze, Hunger und Nackenschmerzen. Oder müssen wir im Auftrag des Kalifen Harun al-Raschid eine Wüste per Fahrrad durchqueren, weil alle Kamele hitzefrei haben oder verdurstet oder schlimmer, verdunstet sind? Werden auch wir verdunsten? Und so umtreten wir die Wüstenoase Frankfurt von Westen kommend, südwestlich Richtung Nordwesten. Dort, am westlichsten Rand der Stadt tanken wir bei einer Tankstelle Frischwasser. Autofahrer gucken uns, dort guckt man, verständnislos an. Wir verstehen sie.

Von nun an geht es stetig bergauf. Anfänglich in der unmenschlichen Gluthitze, in weiterer Folge immer komfortabler, weil die Besiedelung dünner wird, der Wald dafür stetig näher an unsere Via Mala heranrückt. Und dieser wunderbare Wald, der Westerwald beginnt uns zu kühlen. Irgendwann ist die Verdunstungsgefahr gebannt. Wir schöpfen neue Hoffnung an unserem “Erholungstag”. Und nach dem kräftezehrenden Anstieg werden wir mit einer 38 km langen Abfahrt Richtung Limburg an der Lahn belohnt.

Die Stadt Limburg wurde nach Plänen eines mittelalterlichen Märchens erbaut, das ist allen von uns klar. Eine steinerne Brücke führt von einem Torhaus in die verwunschene, verwinkelte Stadt. Die schönen, aneinandergereihten Fachwerkhäuser geben den Gassen eine organisch anmutende Struktur. Man geht nicht durch Gassen, sondern lässt sich durch die Adern eines uralten Organismus treiben. Und dieser Organismus ist voller Leben, die Stadt feiert sich selbst in einem mehrtägigen Weinfest. Oder feiert die Befreiung von ihrem Bischof Tebartz-van Elst, der allem Anschein nach sämtliche schönen Frauen der umliegenden Landstriche in seiner Limburg gefangen hielt. Nachdem der Bischof nach Rom auf Grund eines aus dem Ruder gelaufenen Bauprojektes zur Läuterung zitiert wurde, feiern/begießen die schönen Gefangenen ihre wieder gewonnene Freiheit. Halten sich alle Bischöfe auf der anderen Seite Buhlschaften, fragen sich die Expeditionsteilnehmer in Anbetracht der holden Weiblichkeit. Der Frage kann leider nicht auf den Grund gegangen werden, da morgen bei nicht minder vorhergesagter Temperatur 200 km auf dem Programm stehen. Der wahre, zweifelsfreie Glaube an unsere Mission scheint schon teilweise dem um sich greifenden Wankelmut Raum zu geben. Spompanadeln sind unbedingt zu vermeiden. Wir gehen schlafen.

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Foto 1 Kurze Rast auf der Brücke von Limburg. Im Hintergrund der Dom © Privat
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Foto 1 Das Weinfest in Limburg – © Privat

Tag 5, Freitag, 27. 07. 2018

Das Frühstück wird hinsichtlich der vor uns liegenden Strecke scherzfrei, aber nicht schmerzfrei eingenommen. Irgendwo drückt jedem was. Mit etwas Verspätung nimmt unsere kleine Karawane kurz nach sieben Uhr Fahrt auf. Wie so oft an den Vortagen führt die Straße Hügel auf und Hügel ab. Mit dem feinen Unterschied, dass wir hauptsächlich durch Wald fahren. Die guten Bäume sind auf unserer Seite. Sie kühlen unseren Weg, sie sind unser Schutz vor der wiedererstarkenden Hitze. Der von Osten in seinem goldenen, von vier feurigen Hengsten gezogenen Sonnenwagen das Himmelsgewölbe hinauffahrende Gott Helios kann uns unter dem Blätterschild nichts anhaben.

Irgendwann passiert gemäß einem ungeschriebenen Gesetz das Unvermeidliche. Wir treten eine Steigung hinauf, da macht uns ein älterer Germanenautolenker auf Germanisch sehr klar, aber nicht unbedingt höflich, verständlich, besser den Radweg parallel zur Straße zu benutzen. Wir Gebirgler verstehen das Germanengeschrei auf Anhieb. Ein Casus Belli ist unbedingt zu vermeiden, wissen wir doch was den Römern 9 nach Christus in diesen Wäldern widerfuhr. Drei sich nicht an die Germanenregeln haltende Legionen, die 17., die 18. und die 19. wurden in der Varusschlacht nördlich des Rheins völlig aufgerieben. Nie wieder sollten sich die Römer ans nördliche Rheinufer wagen. Unser kleiner, unterzähliger Tross quert die Regeln der Diplomatie befolgend die Straße, den Straßengraben und fährt auf den Radweg auf. Ich, als Letzter, registriere einen von links und im weiteren Verlauf uns folgenden Germanenradfahrer. Nach dem nahezu rechtwinkligen Einbiegen in den Radweg nimmt unsere Karawane wieder Fahrt auf. „Wo ist der Germane?“, denke ich mir im Beschleunigungsmodus. Ist er schon hinter mir oder sind wir schneller? Ein Blick über die rechte Schulter zurück muss mir Klarheit geben. Ok, der Germane ist weder näher gekommen noch zurückgefallen. Er bleibt auf Distanz. Von ihm geht keine Gefahr aus. Die Kopfwende nach vorne in Fahrtrichtung ist noch im Gange, da weiten sich meine Pupillen auf Grund übermäßiger Adrenalinausschüttungen auf Augapfelgröße. Ich bin auf Herwig nicht aufgefahren, sondern ein wenig an ihm vorbeigefahren. Von der Seite betrachtet überschneiden sich sein Hinterrad und mein Vorderrad, wie Ringe auf einer Hochzeitseinladung. Durch den Schulterblick zurück befinde ich mich nicht zu 100 % in der Vertikalen. Mein Schwerpunkt befindet sich leicht rechts der Fahrachse. Automatisiert gleicht ein Radfahrer die resultierende Kippbewegung aus, indem er in die Kipprichtung, d.h. nach rechts lenkt, wodurch sich das Fahrrad wieder aufstellt. Rechts ist aber in äußerst geringem Abstand Herwigs Hinterrad. “Einlenken nicht möglich”, singt zu den laut schrillenden inneren Alarmglocken der aus Walküren bestehende Backgroundchor fast zärtlich. Gewahr wird mir aber auch das Herwig schneller ist als ich. Ich habe ja beim Zurückschauen nicht getreten. Die Trennung unserer Hochzeitsringe kann ja nur mehr Augenblicke dauern. Ich übe mich also für den Bruchteil des Bruchteiles eines Augenblicks in Geduld und falle ohne einzulenken auf die rechte Seite. „Endlich frei,“ denke ich und lenke nach rechts fallend energisch ein. Unglücklicherweise ist mein Vorderrad aber immer noch nicht ganz frei. Mein Radmantel trifft auf Herwigs Radmantel. Urplötzlich wird der Ton abgedreht und die Zeit extra für mich verlangsamt. Geräuschlos erlebe ich alles im Zeitlupentempo. Mensch und Tretmaschine werden nach rechts katapultiert. Das Ganze wird noch durch eine Drehung um die Längsachse abgerundet.

Unzählige Gedanken schießen mir während meines kleinen Parabelfluges durch den Kopf: Asphalt unter mir – das wird ein harter Aufprall – verdammt Schade um Petras Rad – hoffentlich stürzt der arme Herwig nicht – die Schürfwunden werden eitern – Rechts ist das Schaltwerk, das wird jetzt kaputt – ich werde wohl nicht weiter fahren können – mein Unfall wird die Gruppe aufhalten – und und und…..

Ich höre Gras seitlich gegen meinen Helm schlagen. Gut, dass ich einen Helm trage, denke ich mir und wundere mich gleichzeitig, dass der Ton wieder angedreht wurde. Mich wuzelts, nun wieder in Echtzeit, durch den Straßengraben. Mit leichten Blessuren bleiben Mensch und Tretmaschine im Gras liegen. Ein von einer Mission erfüllter, könnte nun sagen, “die Vorsehung hat mich den todbringenden Asphalt überfliegend in den weichen Straßengraben getragen.” Ich, Realist, bin nur froh, so äußerst glimpflich davon gekommen zu sein.  Alle helfen beim Reparieren. Sogar der Germanenradfahrer ist äußerst besorgt und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden, welches aber erst wieder im Aufbau begriffen ist. Ich fahre, von nun an mit großem Sicherheitsabstand weiter.

Weiter geht’s durchs Hügelland. Die Temperatur gönnt sich auch keine Pause. Gott Helios der vermaledeite Heidengott, grüßt uns via einer über einer Apotheke angebrachten Anzeigetafel: “39°C, keine Sorge Jungs, ich kann es noch besser,“ erklärt er uns grinsend.  “Wissen wir ja von gestern, du angebranntes Ar…loch”, grüßen wir höflich zurück. Im Schutz der Bäume ist uns der Grieche ziemlich egal, obgleich wir wissen, dass der Ruhrpott immer näher rückt. Genießen, solange man genießen kann, ist unsere Devise.

Der von vier Hengsten gezogene Sonnenwagen hat gerade den obersten Punkt am Himmelsgewölbe erreicht und beginnt seinen gefährlichen Abstieg Richtung Westen, er nimmt krachend und funkenstiebend Fahrt auf, sprich, wir nähern uns der Tageshöchsttemperatur. Die kühlen Waldhügel sind hinter uns, wurden abgelegt in der Schublade: “Gute alte Zeiten”. Häuserzeilen und Ampeln haben die Geschöpfe des Waldes vertrieben. Zuflucht finden wir um halb zwei bei einem Italiener aus Apulien in der Stadt Hennef (ca. 15 km nordöstlich von Bonn). Der elegante, silberhaarige Patrone verwöhnt uns mit Minestrone und köstlichster Schwertfischpasta. Gestärkt geht’s Richtung Köln weiter, wo wir den Rhein überqueren.

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Foto 1 Hans im Gespräch mit Phaeton. Reinhard sieht interessiert zu – © Privat

Ca. 30 km vor Krefeld, unserem Tagesziel, gesellt sich ein nicht minder als wir Verrückter zu uns. Wir überholen ihn vor einer Ampel. Er ist gelb gekleidet, hat einen Fahrradanhänger und ist allem Anschein nach hitzeresistent. Das Formel-1-Rennen am Hockenheimring veranlasste ihn zu dieser Radreise. Nun ist er mit seinem Gespann am Nachhauseweg. Er deklariert sich uns gegenüber als Krefelder, könnte aber auf Grund seiner Erscheinung, gelbes Gewand, Wagen, hitzeresistent auch Phaeton, der sterbliche Sohn von Helios sein. Was wiederum auch nicht leicht möglich ist, da Phaeton ja mit dem Sonnenwagen in Folge überhöhter Geschwindigkeit von der Sonnenbahn abkam, verunfallte und im Zuge des Unfalls verglühte. Geschichte kann aber auch irren. Egal, Phaeton klemmt sich mit eisernem Willen an unsere Fersen und lässt sich bis Krefeld nicht mehr abschütteln. “Ihr seid meine Motivatoren”, erklärt uns der sympathische Gottessohn freudig. Die Nacht in Krefeld ist heiß, schlaflos und kurz. Wir wollen um 06:00 Uhr starten.


Tag 6, Samstag, 28. 07. 2018

Ich stehe um 05:00 Uhr auf, Herwig, mit dem ich das Zimmer seit unserem Aufbruch brüderlich teile, etwas später, er ist ja auch etwas jünger. Unser Nachtlager wird von Chinesen betrieben, welche sehr höflich und freundlich sind. Eine Chinesin empfängt uns bereits kurz vor sechs Uhr im Speisesaal. Hans wurde am Vortag eigentlich nur ein Lunchpaket zugesagt. Die guten Leute ließen es sich nicht nehmen, uns mit einem vollwertigen Frühstück zu überraschen. Kurz nach sechs holen wir unsere Räder aus der Hotelgarage. Von den beiden bedauernswerten Junkies, welche am Vortag im Zugangsbereich der Garage damit beschäftigt waren, der Realität zu entfliehen, ist nichts mehr zu sehen. Das Bild ihrer erlöschenden, abgemagerten Körper, welche dem Augenschein nach im Begriff waren den Weg ihrer erloschenen Seelen zu folgen, will mir nicht aus dem Sinn gehen, erfüllt mich mit beklemmender Traurigkeit.

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Grenzübergang bei Strahlen – © Privat


Aufbauend wirkt die Tatsache, dass heute der letzte Etappentag ist. Die 200 km bis Amsterdam schaffen wir auch noch. Gut geschlafen hat fast keiner von uns.

Das Land ist flach, der Asphalt super, da nicht rau. Unsere Hinterteile sind nämlich zu schwer überreizten, äußerst sensiblen Sinnesorganen mutiert. Ähnlich einem lichtüberreizten Auge, z.B. bei einer Schneeblindheit, wird rauer Asphalt als äußerst unangenehm, weil schmerzhaft, wahrgenommen, analog ungefiltertem Tageslicht im Zuge einer Lichtüberreizung. Wir radeln medizinisch gesehen auf Heilasphalt. Und das tut gut in zweierlei Hinsicht. Physisch und auch psychisch, da jeder geradelte Kilometer uns dem Ziel näherbringt. Das Dreieck, linke, rechte Gehirnhälfte und Sattel, fühlen bereits die niederländische Grenze, die dann auch nach acht Uhr bei der kleinen Siedlung Straelen erreicht wird. Wir schießen Fotos und es beginnt stark zu regnen.  Besser als der irre Grieche mit seiner gleißenden, alles verbrennenden Quadriga, sind meine Gedanken. Hier in diesem Land hat er keine Macht mehr über uns. Wir fahren also durch den Regen und einem niederländischen Nationalpark (De Maasduinen), der für unsere Augen nicht unbedingt als solcher erkennbar ist. Das Naturerlebnis kann kaum mit einem österreichischen Schrebergarten mithalten. Irgendwann verstehen wir den Stamm der Niederländer, realisieren wir doch im weiteren Verlauf unserer Treterei, dass so gut wie kein Fleckchen Erde unbearbeitet ist. Kanäle, hübsch anzuschauen, durchziehen das landwirtschaftlich intensiv genutzte Land.

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Herwig, Reinhard und Hans – © Privat

Die Holländer führen seit Jahrhunderten einen hochtechnisierten Kampf gegen die See. Sie bauten und erbauen zur See hin Dämme. Binnenseitig wird das Wasser abgepumpt und in die See gefördert. Angetrieben werden und wurden die Pumpwerke durch den Wind. Wurden früher Windräder, sogenannte Windmühlen direkt über den Pumpwerken erbaut, so treiben heutzutage moderne Windräder Generatoren an, deren Strom wiederum Pumpwerken als Energiequelle zugeleitet wird. Die Holländer ringen mit dieser Technik dem Meer Land ab, vergrößern damit ihren Lebensraum. Ein solch hochkomplexer technischer Vorgang kann und konnte nur gemeinsam gelingen. Die Holländer haben vermutlich aus diesem Grund spezielle Umgangsformen entwickelt. Sie sind sehr höflich, sehr hilfsbereit und vollkommen unaufdringlich. Angenehme Zeitgenossen, ist man versucht zu sagen. Im Gegensatz zu den Germanen, welche in groben Clanstrukturen zusammenleben, haben die Holländer ein Königshaus, auf welches sie mit ernsthafter Fröhlichkeit stolz sind.

Irgendwann frage ich mich, ob wir wiedergeborene Hamster seien. Wir waren in unseren vorherigen Leben schlechte, weil faule Hamster. Unsere Hamsterräder standen fast immer still. Zur Strafe wurden wir als Radfahrer auf einer nie enden wollenden Radtour wiedergeboren. Reinkarnationen, Wiedergeburten können eine echte Plagerei sein. Zu allem Überdruss fängt sich jetzt auch noch meine linke Tretkurbel zu lockern an. Ich muss sie immer wieder nachziehen. Reinhard kann schon seit zwei Tagen mit seiner linken, durch die ewig gleiche Sitzhaltung taub gewordenen Hand seine Schaltung nicht mehr betätigen. Wir beide waren wohl besonders faule Hamster.

Etwa um 18:00 Uhr gibt Hans Radio Osttirol in einem Tankstellenshop unser letztes, drittes Interview. In meinem übertretenen Zustand selektiere ich als einzige Interviewaussage, „noch 20 km bis Amsterdam“. Doch diese 20 km haben es in sich. Nachdem uns Helios mehr oder weniger den ganzen Tag verschont hat, greift nun ein weiterer Griechengott in das Geschehen ein. Äolus ist sein Name, er ist Herr über die Winde und sehr empfindlich. Wir müssen ihn irgendwie beleidigt haben. Warum sollte er uns sonst mit so großer Macht ins Gesicht blasen. Ergeht es uns wie Odysseus, der nach zehn Jahren Krieg gegen die Trojaner, nach jahrelanger Irrfahrt, kurz vor Anlanden auf seiner Heimatinsel Itaka, kurz vor der Wiedervereinigung mit seiner Frau Penelope, von ungünstigen in einem Schlauch gefangen gehaltenen und blöderweis entschlüpften Winden, wieder auf die offene See hinausgeblasen wurde, um weitere Jahre irrzufahren

Nein! Das darf nicht geschehen. Petra mein Weib, geborene Aphrodite, welche für mich auf ihre Unsterblichkeit verzichtete, indem sie mich heiratete, wartet in Amsterdam auf mich. Mit aller Macht stemme ich mich, wir uns gegen Äolus, der anscheinend für seinen Kollegen Helios eingesprungen ist. Was wollen diese arbeitslosen Griechen von uns? Glaubt doch eh keiner mehr an sie.

Wir kämpfen uns aus südöstlicher Richtung kommend, gegen die Elemente antretend, Kilometer für Kilometer unserem Ziel entgegen. Um ca. 18:30 Uhr passieren wir die im 17. Jahrhundert erbaute, vollständig erhaltene, architektonisch eindrucksvolle Festung Naarden, wenig später die im 19 Jahrhundert erbaute Festung Muiden. Wir sind nun innerhalb des Amsterdam umgebenden Festungsgürtels. Äolus scheint dies ziemlich egal zu sein. Er bläst mit unverminderter Härte.  Nach 8,5 Stunden im Sattel, nach 190 gefahrenen Kilometern schaffen wir vier am sechsten Tag unserer Reise nun nur mehr 15 km/h. Normal wären 24 bis 25 km/h. Die Batterien sind leer, die Muskeln wollen nicht mehr, der Wind frustriert. Die uns auf Rädern entgegenkommenden Holländer fliegen dafür nur so an uns vorbei. Die fliegenden Holländer lächeln uns allesamt freundlich, ja eigentlich fröhlich an. Die in Radsätteln Geborenen fahren ohne Helm. Da mit ihren Rädern verwachsen, benötigen sie diese nicht. Unsere Helme weisen uns von weitem erkennbar als Fremde, als Personen, die vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen sind, aus, weil nicht so geschickt im Umgang mit dem Rad. Endlich sind wir in der Stadt. Am Weg zu unserem Hotel erhalten wir einen ersten Eindruck. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Stadt pulsiert förmlich vor lauter Leben. Man wähnt sich als Ameise in einem immerfort lachenden Ameisenhaufen. Petra, meine Frau, die zwei Tage zuvor per Flugzeug anreiste, treffen wir im Hotel.

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Ankunft in Amsterdam – © Privat

Es ist 19:30 Uhr, wir alle sind überglücklich, duschen uns schnell und ab geht’s in den Ameisenhaufen. Diesen zu beschreiben ist für uns Gebirgler schwierig. Trotz der sich durch die Gassen der Stadt wälzenden Massen, gibt es nirgends Gedränge, schon gar keine Rempelei.  Schöne Frauen mit buntleuchtender Gesichtsbemalung kokettieren mit schrägen Paradiesvögeln. Es wird geredet, getanzt und gelacht. Irgendwie scheinen alle berauscht, ob vom Alkohol oder Marihuana. Nüchtern ist hier keiner. Aggression, in Österreich bei solch einem Menschenauflauf schwer wegdenkbar, ist für diese Stadt anscheinend ein Fremdwort. An der Polizei kann´s nicht liegen, da diese so gut wie nicht vorhanden ist. Ein wenig fühlen wir uns wie Barbaren, die mit offenem Mund durch das sagenumwobene Atlantis stapfen, ungläubig die Wunder der Stadt zu blicken. Um 2 oder 3 Uhr morgens gehen wir zu Bett. Endlich ausschlafen, denkt sich wohl ein jeder von uns vier Drahteseln.

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